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# 01 | 2015 Juli/August

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HITZE. SAND. BLASEN.

HITZE. SAND. BLASEN. SKORPIONE. WILDE AFFEN. ALL‘ DAS ERLEBTE ANDREAS EWALD AN DER SEITE VON JOEY KELLY IN DER WÜSTE NAMIBIAS. UND BEI DEM RENNEN VON WINDHOEK NACH SWAKOPMUND, DAS EIGENTLICH ALS WETT- KAMPF GEDACHT WAR, WURDEN DIE BEIDEN FREUNDE. Wie hart ist Joey Kelly wirklich? Diese Frage stellte man sich irgendwann im vergangenen Jahr in der Redaktion von Stern-TV bei RTL. Und kam auf die Idee, fünf ganz normale Sportler zu suchen, die sich einem Härtetest mit dem Ex-Musiker und Extremsportler stellen. Als Moderator Steffen Hallaschka dann vergangenen Herbst fragte „Wer ist härter als Joey Kelly?“, saß im niedersächsischen Horneburg Andreas Ewald vor dem Fernseher. Der 36-Jährige kam auf die Idee, sich zu bewerben. Und das ohne große Erfahrungen im Extremsport. Der Inhaber einer Werbeagentur ist zwar seit drei Jahren Tag für Tag drei bis vier Stunden sportlich aktiv, aber Wettkämpfe interessieren ihn nicht. Bis er plötzlich am Start des Röntgenlaufs in Remscheid stand. Ohne sich jemals dafür angemeldet zu haben oder gezielt dafür trainiert zu haben, musste er den hügeligen Marathon durchs Bergische Land absolvieren. Und im Gegensatz zu den übrigen Teilnehmern stand er nicht ausgeschlafen und ausgeruht am Start. Zu diesem Zeitpunkt lag hinter Andreas Ewald bereits ein halber Tag und eine ganze Nacht Casting mit Joey Kelly. Zwei Stunden lang hatte er zusammen mit den neun anderen aus 150 Videobewerbungen vorausgewählten Kandidaten auf dem Spinning-Rad gesessen, danach zwei Stunden auf dem Rhein gepaddelt. Nach diesem Vorspiel brach die Gruppe zum Waldlauf auf. Wohin? Wie lange? Außer Joey Kelly und dem RTL-Fernsehteam wusste das niemand. Nach drei Stunden Laufen war es schon lange dunkel. Müdigkeit. Mitten im Wald wurde geschlafen, vielleicht eine Stunde, dann führte Joey die Bewerber zu den Mountainbikes, die von den RTL-Mitarbeitern an der verabredeten Stelle deponiert worden waren. Die nächtliche Tour war fast 70 Kilometer lang. Sie führte an den Start des Röntgenlaufs. Der Marathon gab der Hälfte der Bewerber den Rest. Fünf von ihnen erreichten »FAST WIE IM HORRORFILM: AUGEN, DIE IM DUNKELN LEUCHTEN« das Ziel. Alle anderen gaben wegen Krämpfen oder Kreislaufproblemen auf. Andreas Ewald aber lief die ganzen 42,195 Kilometer an der Seite von Joey Kelly. Und wurde ausgewählt, zusammen mit vier anderen den Härtetest mit Joey Kelly bestreiten zu dürfen. Schon beim Casting machte sich sein tägliches, stundenlanges Training bezahlt. „Ich fahre jeden Morgen 15 Kilometer mit dem Rad ins Büro nach Stade und nachmittags wieder zurück. Und dann laufe ich noch mal eineinhalb bis zwei Stunden im Wald“, erzählt er. Warum tut er das? „Das ist für mich wie Meditation. Mein Kopf wird frei“, sagt er. Mit seinem Auftritt beim Casting hatte er sich aber erst für die eigentliche Aufgabe qualifiziert. Und die begann an einem Nachmittag im Dezember am Frankfurter Flughafen. Dort traf er sich mit Joey Kelly, dem RTL-Team und den anderen Kandidaten Birgit Schmidt-Böse, Frank Pachura, Klaus Möllenhoff und Falko Toetzke. Wohin die Reise gehen würde, erfuhren sie erst kurz vor dem Einchecken: Windhoek stand als Ziel auf den Tickets. In der Hauptstadt Namibias im Südwesten Afrikas sollte also der Härtetest beginnen: Ein Wüstenlauf gegen Joey Kelly. Wieder wird es ein Lauf ins Ungewisse. Keiner der Teilnehmer weiß, wohin es geht oder wie lang die täglichen Etappen sind. Nur eins ist klar: Zehn Tage muss man durchhalten, um eine Chance auf die 10.000 Euro zu haben, die der erhalten soll, der sich als härter als Joey Kelly erweist. In Windhoek angekommen, geht’s erst mal ins Hotel. Nach zwei komfortablen Nächten dann die Ansage: Rucksäcke packen, es geht los. Mitnehmen darf jeder so viel, wie er tragen will. Mit drei Ausnahmen: Keine Handys, keine Schmerzmittel, keine Lebensmittel. „Da nimmt natürlich niemand für jeden Tag eine frische Unterhose mit. Man muss ja alles schleppen“, sagt Andreas Ewald. Genau wie die anderen beschränkt er sich auf das Nötigste. Schlafsack, Isomatte und – eine Packung Zigarillos. „Ich bin Genussraucher. Und die Aussicht auf den ersten Zug im Ziel hilft mir, meinen inneren Schweinehund zu besiegen“, erklärt er. Dann laufen die sechs aus der afrikanischen Großstadt in die Wüste. Begleitet von einem zehnköpfigen RTL-Team in Jeeps. Zur Mannschaft zählt auch eine Ärztin. Die ersten Kilometer verlaufen gleichförmig. Auf Schotterwegen geht es immer nach Westen, in Richtung der gut 400 Kilometer entfernten Atlantikküste. Joey Kelly gibt den Weg vor, alle zehn Kilometer verteilt das RTL-Team Wasser und ein paar Energieriegel. Die Teilnehmer laufen bei 50 Grad in der Sonne auf fast 2000 Metern Höhe. Schatten gibt es in der kargen Wüstenlandschaft nicht. Nach nur zwei Tage schwächelt die einzige Frau im Team. Sie stolpert. Ihr wird schwarz vor Augen, der Kreislauf macht schlapp. Das war’s für sie. Die Ärztin misst ihren Blutdruck, nimmt sie dann aus dem Rennen. Die vier anderen machen weiter. Teilweise laufend, teilweise im schnellen Gehtempo. „Wir sind etwa 60 Prozent der Strecke gelaufen“, erinnert sich Andreas Ewald. Nachts wird in Minizelten geschlafen. „Eigentlich sollten wir unter freiem Himmel schlafen, aber das war dann wegen der vielen Skorpione doch zu gefährlich.“ An einem dieser Abende hat sich dann das RTL-Team noch eine besondere Gemeinheit einfallen lassen. Während die Teilnehmer an ihrem Energieriegel knabberten und Wasser mit Elektrolytpulver tranken, hatte man mitten in der Wüste einen Tisch mit einem Topf voll Essen aufgebaut, dazu ein paar kühle Bier. „Ihr könnt euch davon nehmen, aber für jeden der es tut, reduziert sich das Preisgeld um 2000 Euro“, war die Ansage. „Hat natürlich keiner gemacht, das war ein bescheuertes TV-Element“, erzählt Andreas Ewald. Vielleicht hätte das anders ausgesehen, wenn die Aktion an den letzten drei Tagen stattgefunden hätte. Denn nach einer knappen Woche in der Wüste wurde den Teilnehmern das Essen ganz gestrichen. Es gab nur noch Wasser und Pulver mit den wichtigsten Mineralien. Daran scheiterte der letzte verbliebene Konkurrent von Andreas Ewald. Der ist erfahrener Extremläufer und meistens sehr austrainiert. Ohne Nahrung wurde genau das zum Problem. Falko Toetzke ging buchstäblich die Energie aus. Andreas ——— 012 EVENTS & REISEN ER

SWAKOPMUND AFRIKA NAMIBIA WINDHOEK Ewald war dagegen wie Joey Kelly mit Fettreserven in das Abenteuer gestartet, von denen er zehren konnte. „Außerdem faste ich jedes Jahr einmal für drei Wochen. Dabei hat mein Körper anscheinend gelernt, Energie aus dem zu gewinnen, was da ist.“ Frank Pachura und Klaus Möllenhoff waren schon zuvor ausgeschieden. Beide litten an riesigen Blasen an den Füßen und Schmerzen. Andreas Ewald hatte für das Wüstenabenteuer die ältesten Sportschuhe ausgewählt, die er in seinem Schrank finden konnte. Ganz einfache Treter waren das, meilenweit entfernt von dem, was die Sportartikelhersteller fürs Trailrunning anbieten. „Das war vielleicht meine beste Entscheidung“, sagt er. Und er hat gelernt, dass es in Grenzsituation nicht aufs Material ankommt. Auch die körperlichen Fähigkeiten sind nicht das alles Entscheidende. Schließlich waren seine Konkurrenten viel erfahrenere Läufer als er. Am vierten Tag war Andreas Ewald am Tiefpunkt angekommen. Die Energiespeicher waren leer, auch er hatte Blasen an den Füßen, zwar viel kleinere als die anderen, aber gequält haben die doch. Dazu die Hitze und jede Nacht nur vier Stunden Schlaf. Andreas Ewald hätte jederzeit aussteigen können, in kürzester Zeit wäre er in einem Hotel gewesen. Mit Bar, Pool und einem weichen Bett. „Ich habe mich dann aber ganz bewusst für die andere Möglichkeit entschieden. Ins Ziel kommen, eine rauchen, ein Bier trinken und dann das Hotel genießen. Das fand ich einfach verlockender.“ Und so ist er weitergelaufen, immer an der Seite von Joey Kelly, und auch das größte Abenteuer des gesamten Laufs konnte sie nicht aufhalten. „Es ist toll, zu erleben, was man noch mobilisieren kann, wenn man eigentlich schon geglaubt hat, an der Grenze angekommen zu sein. Und dann löst sich die Grenze einfach auf.“ Auf halbem Weg zwischen Windhoek und der Atlantikküste ging es durch den Kuiseb Canyon. Ein ausgetrockneter Fluss hat hier eine tiefe Schlucht in die Namib-Wüste gegraben. Für Jeeps ist das Gelände unzugänglich. Andreas Ewald und Joey Kelly waren ganz auf sich selbst gestellt. Weil es tagsüber mittlerweile zu heiß war, liefen sie jetzt nachts. Mit Stirnlampen sind sie zwischen den hohen, steilen Felswänden in der Schlucht unterwegs, als sie hoch über sich zwei Paar hell leuchtende Augen entdecken. Sie bleiben stehen, ein gellend lautes Geschrei erhebt sich. Sie hatten eine Pavian-Horde aufgeschreckt, die sich in die Felsen zum Schlafen zurückgezogen hatte. Kaum war der Schreck verdaut, erblickten sie vor sich einen Schatten, der ebenfalls aussah wie ein Affe. Als sie näherkamen, erkannten sie im Licht der Stirnlampen, dass es ein toter Pavian war. „Das war fast wie im Horrorfilm“, erzählt Andreas Ewald. Weil das Team keine Zelte aufbauen kann, schlafen die beiden in dieser Nacht unter freiem Himmel und sehen unzählige Sternschnuppen. Am Ende der Etappe müssen sie ungesichert die Steilwände hochklettern, um den Canyon zu verlassen. Hinterher erfährt Andreas Ewald, dass ein Rettungshubschrauber bereit stand. Am neunten Tag erreichen die beiden die hohen Sanddünen, mit denen die Wüste am Atlantik endet. Joey Kelly spurtet los. „Jetzt musst du kämpfen“, ruft er Andreas Ewald noch zu, dann verschwindet der Star irgendwo in den Dünen. Andreas Ewald verliert die Orientierung, ist plötzlich ganz allein. „Ich bin dann auf eine hohe Düne geklettert und habe einen Jeep unseres Teams gesehen, der sich festgefahren hat.“ Die RTL-Leute haben ihm dann den Weg zum Strand gezeigt. Ein, zwei Stunden läuft er noch, dann sieht er das Meer. Als er am Atlantik ankommt, wartet Joey Kelly schon auf ihn. Und irgendwie hört man Andreas Ewald an, dass er das Ende des Rennens nicht als wirklich fairen Wettkampf empfunden hat. Das Preisgeld bekommt er nicht. Er habe zeitgleich mit Joey Kelly ankommen müssen, heißt es, als die letzte Folge des Wüstenabenteuers bei Stern TV ausgestrahlt wird. Er hatte auf der chaotischen letzten Etappe eine knappe halbe Stunde auf den Star verloren. Nach 441 Kilometern und neun Tagen. Am Strand setzt er sich in die Brandung, steckt sich erstmal einen Zigarillo an, genießt ein Bier. Besser hat das noch nie geschmeckt, auch wenn Andreas Ewald es nach RTL-Lesart nicht geschafft hat, härter als Joey Kelly zu sein. Der Wettkampf hat ihn ja noch nie interessiert. P.S.: Stern TV hat Andreas Ewald als Anerkennung seiner Leistung einen Mallorca-Urlaub spendiert. Und seit Namibia ist er mit Joey Kelly befreundet. Die beiden telefonieren öfter und Andreas Ewald sagt über ihn: „Er ist Sportler und Unternehmer. Ich auch. Da gibt es viel Gesprächsstoff.“ LAUFEN.DE ——— 013

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# 05 | 2016 September/Oktober