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# 01 | 2015 Juli/August

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WER IST? CHRISTINA

WER IST? CHRISTINA HERING LL Beine bis fast zum Himmel. Das ist immer der erste Eindruck, den Christina Hering hinterlässt. Die 20 Jahre alte Münchnerin könnte auch als Model Karriere machen. Sie nutzt ihre 1,85 Meter Körpergröße aber viel lieber, um zwei Stadionrunden so schnell wie möglich zu rennen. Und das mit riesigem Erfolg. Bei den beiden jüngsten deutschen Meisterschaften hat sie jeweils den Titel geholt. Im Sommer 2014 triumphierte sie in Ulm, vergangenen Winter setzte sie sich in Karlsruhe durch. „Ich liebe es, schnell zu rennen“, schwärmt sie von ihren Strecken. Längere Läufe gehören zwar auch zu ihrem Training, aber diese Einheiten betrachtet Christina Hering eher als Notwendigkeit, um ihre Ziele zu erreichen. Entscheidend für ihren Erfolg ist die Abwechslung im Training. Denn wer glaubt, die besten Läufer sind so schnell, ausdauernd und schlank, weil sie irgendwie ganz viel laufen, liegt falsch. Dazu gehört mehr, wie Christina Hering erklärt. Ein längerer Dauerlauf, zweimal pro Woche vor dem eigentlichen Training eine halbe Stunde einlaufen und ein Fahrtspiel. Christina Herings Laufpensum unterscheidet sich gar nicht so stark von dem Training, das Millionen Hobbyläufer in Vorbereitung auf einen der vielen Wettkämpfe auf Europas Straßen absolvieren. Die spezielle Fitness, die eine 800-Meter-Läuferin benötigt, erarbeitet sie sich mit Trainingsprogrammen, die auf den ersten Blick gar nicht so viel mit Laufen zu tun haben. Es ist Dienstagmorgen. Christina Hering ist schon früh in der Sporthalle direkt neben dem Münchner Olympiastadion. Mit einem zweistündigen Athletik-Programm formt sie jeden Muskel ihres Körpers. Danach eine kurze Pause, ein Kaffee, etwas essen, dann geht ihr Programm an der Uni weiter. Sie studiert Sportwissenschaften, wohnt in einer der Wohnung des ehemaligen olympischen Dorfes in München. Die Wege zur Uni und zum Training sind kurz. Wird die Kombination aus dem vielen Sport im Studium und dem Training einer Spitzen-Athletin nicht irgendwann zu viel für den Körper der 20-Jährigen? „Nein“, sagt Christina Hering, „im Studium überwiegen die theoretischen Anteile, und auch in den sportpraktischen Kursen geht es vor allem darum, wie man anderen die entsprechenden Bewegungsabläufe vermittelt und weniger darum, selbst besser zu werden.“ Und so hat sie am Dienstagabend noch genügend Kraft für die zweite Trainingseinheit des Tages. Jetzt steht Sprinttraining auf dem Programm mit dem Ziel, die Schnelligkeit für die 400 und 800 Meter zu erhöhen. „Das macht mir am meisten Spaß, vor allem weil wir so eine tolle Trainingsgruppe sind“, sagt Christina Hering. Sie trainiert bei der LG Stadtwerke München zusammen mit Christine Gess, Karoline Pilawa und Fabienne Kohlmann. Alle vier können die 800 Meter unter 2:05 Minuten laufen; Hering und Kohlmann sogar unter 2:02 Minuten. Eine stärkere Trainingsgruppe für die halbe Meile gibt es in Deutschland nicht. Christina Hering braucht die anderen Mädels aber vor allem bei Tempoläufen. Dann wird es richtig hart, die vier pushen sich gegenseitig – und natürlich auch die Jungs, die ebenfalls zur Gruppe der Trainer Daniel Stoll und Andreas Knauer gehören. Im Team absolviert Christina Hering auch die schwierigsten Aufgaben ohne zu murren – solange sie vorher weiß, was auf dem Plan steht und das Training nicht ohne Absprache erweitert wird. Wenn aber noch was nachkommt, was sie vorher nicht wusste, kann sie auch mal ungemütlich werden. Neben der Abwechslung bei den Trainingsinhalten ist es für Christina Hering wichtig, nicht immer im selben Laufschuh unterwegs zu sein. Sie hat einige Paare im Schrank, um je nach Einsatzzweck immer richtig ausgerüstet zu sein. Während sie bei den Tempoläufen auf der Bahn entweder die spikesbewehrten Rennschuhe oder leichte und stabile Modelle wählt, absolviert sie ihre 30-Minuten-Läufe gern in den Barfußlaufschuhen ihres Ausrüsters Nike. „Früher habe ich die Free vor allem im Alltag als Sneaker getragen, mittlerweile laufe ich auch sehr gern mit ihnen. Sie passen sich so ——— 030 LÄUFER & LEUTE LL

perfekt dem Fuß an, dass man fast gar nicht merkt, noch Schuhe zu tragen. Darin sind meine Füße fast so beweglich wie beim Barfußlaufen. Und ich erziele einen ähnlichen Trainingseffekt.“ Für den kommenden Sommer peilt Christina Hering neben der Verteidigung ihres nationalen Titels über 800 Meter auch internationale Ziele an. Dabei hat sie allerdings weniger die großen Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking im Blick, sondern die Europameisterschaften für unter 23-Jährige, die vom 9. bis 12. Juli in Estlands Hauptstadt Tallinn stattfinden. Reisen wie diese sind für die 20-Jährige die größte Motivation. Neue Länder, Städte und Menschen kennenlernen, das ist für sie die Faszination des Leistungssports – neben der Verbesserung der eigenen Leistung und dem Hochgefühl, das sich einstellt, wenn man Rennen gewinnt. Ein Star will sie dabei nicht um jeden Preis werden. „Ich muss vor allem mit mir selbst zufrieden sein“, sagt sie. Wer ihr zuhört, versteht, dass sie einen Athleten wie Basketballprofi Dirk Nowitzki zu ihrem Vorbild erklärt. „Er hat es allen gezeigt, die gesagt haben, dass er in der NBA sowieso keine Chance haben wird. Und ist trotzdem am Boden geblieben.“ Und mit der Einstellung ist auch Christina Hering viel besser beim Laufen aufgehoben, wo es um Leistungen geht, die man sich mit viel Anstrengung und Schweiß ehrlich erarbeitet, als beim Modeln. Trotz ihrer Super-Beine. »ENTSCHEIDEND FÜR DEN ERFOLG IST VOR ALLEM DIE ABWECHSLUNG IM TRAINING« Zur Entspannung ins Café – auch das gehört zum Athleten-Alltag LAUFEN.DE ——— 031

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# 05 | 2016 September/Oktober