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# 03 | 2015 November/Dezember

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»Wenn Du etwas ganz

»Wenn Du etwas ganz fest willst, dann wird das Universum darauf hinwirken, dass Du es erreichen kannst. « Das schreibt der Autor Paulo Coelho in „Der Alchemist“. Und hier waren wir nun. Irgendwo im Nirgendwo am nördlichen Polarkreis in Schwedisch-Lappland. Auf dem Abenteuertrip unseres Lebens. 75 Kilometer hinter uns, 50 Kilometer vor uns, am mentalen Tiefpunkt angekommen, das Universum um Hilfe bittend. ↳ Doch von Anfang an: Eigentlich sind wir ganz zufällig hier nach Nordschweden gelangt. In unseren bislang allerlängsten Lauf des Lebens. Alles begann mit einer Gewinnspielteilnahme von Andrea irgendwann im Frühjahr, auf die im April die E-Mail „Welcome to the Tierra Arctic Ultra!“ folgte. Da waren sie also, zwei Startplätze für den Tierra Artic Ultra: Ein Rennen am nördlichen Polarkreis, entlang Schwedens ältestem Wanderweg, dem Kungsleden, durch eines der entlegensten Gebiete dieser Welt. Wie aufregend! Und auch wenn Sandra bis dahin noch nie etwas von einem solchen Rennen oder gar dem Gewinnspiel gehört hatte, so stand binnen weniger Minuten fest: Dieses Abenteuer konnten wir uns nicht entgehen lassen. Beim zum zweiten Mal ausgetragenen Tierra Artic Ultra kann man über zwei Distanzen starten: 125 Kilometer mit 2500 Höhenmetern gelten als „die Originalstrecke“. 107 Kilometer mit 1600 Höhenmetern sind die „abgeschwächte Version“. Beide Distanzen haben jedoch dasselbe Zeitlimit: 24 Stunden. Auf beiden Strecken gibt es weder Verpflegungsstellen noch Markierungen, was bedeutet, dass man sich selbst orientieren muss. Anfangs überwiegt noch die Vernunft, und wir lösen unseren Gewinn für die 107-Kilometer-Strecke ein, später wagen wir es aber, uns auf 125 Kilometer umzumelden. Wenn wir so weit für solch einen besonderen Lauf fliegen, wollen wir das volle Erlebnis, die gesamte Schönheit des Polarkreises erleben. Das sagen wir uns, während wir aufgeregt in einem Outdoor-Reiseführern blättern, in dem unsere 24-Stunden-Strecke als Sechs- bis Acht-Tagestour empfohlen wird – für Geübte wohlgemerkt. Die Tage vor der Abreise sind geprägt von Nervosität und der Frage, ob wir uns da vielleicht nicht doch zu viel zugemutet haben. Der Veranstalter schreibt Kompass, Verbandszeug, Thermodecke, Trillerpfeife, Stirnlampe sowie windund wasserdichte Kleidung inklusive Mütze und Handschuhe als Pflichtausrüstung vor. Darüber hinaus fragen wir uns, wie viel Nahrung man eigentlich auf solch eine Distanz mitnimmt und welche Laufsachen die besten auf der Strecke sind. Kompressionssocken ja oder nein? Armlinge? Buff-Tuch? Fragen über Fragen, aus deren Beantwortung sich viel Gepäck für fünf Tage ergibt. Am Mittwochmorgen starten wir um 5:20 vom Münchner Hauptbahnhof Richtung Frankfurt, von dort aus dann via Stockholm nach Kiruna, in die nördlichste Stadt Schwedens. Unsere Reise ist geprägt von Vorfreude, Spaß und jeder Menge Respekt vor dem eigentlichen Ereignis. Mit dem Abholen der Startunterlagen und der Information, dass uns der Bus zum Start nach Nikkaluokta um vier Uhr morgens abholt, wird unser Lachen jedoch zunehmend hysterisch und die Anspannung unermesslich. Auf was hatten wir uns da nur eingelassen? Der Donnerstagabend steht im Zeichen des Rucksack-Packens und Verpflegung-Beschriftens. Auf jedes Gel oder jeden Riegel muss die Startnummer geschrieben werden. Um sicherzugehen, dass niemand seinen Müll unachtsam in die Natur wirft. Freitagmorgen erlöst uns um 2:45 Uhr der Wecker aus der ohnehin schlaflosen Nacht. Endlich, es geht los. Es wird ernst. Müde und aufgeregt machen wir uns bereit für das Abenteuer unseres Lebens. Ein letzter Equipment-Check, ein kurzes Frühstück, Check- Out im Hotel und hinein in den Bus, in dem es nach Pre-Race-Konzentration und Kaffee riecht. Auf der einstündigen Fahrt herrscht Totenstille. Wir starren in die vorbeiziehende Landschaft. ↳ Am Startpunkt angekommen geht dann alles ganz schnell. Sachen abgeben, noch einmal etwas trinken, ein letztes Selfie und schon zählen wir die Sekunden bis zum Start. Dann traben die etwa 100 Teilnehmer der beiden Distanzen los. Nach circa 15 Kilometern, die mit ihrer Schönheit und unserer Freude darüber einfach so vorbeigeflogen sind, trennt sich die Strecke zum ersten Mal. Wir 125-Kilometer-Läufer oder solche, die es werden möchten, nehmen den Abzweig zum Checkpoint Tarfala, hoch zu den Gletschern. Die Strecke mit ihren vielen Höhenmetern ist anspruchsvoll, felsig und unwegsam. Obwohl der Lauf unsere volle Konzentration fordert, genießen wir die einzigartige Landschaft um uns herum und haben Spaß an der Anstrengung, dem Abenteuer, sind optimistisch und gar enthusiastisch. Kurz vor dem ersten Checkpoint irren wir im Nebel zwischen Schneefeldern, Gletscherbächen und großen Felsen umher. Das Erreichen der orangenen „Tierra Artic Ultra“ Fahne auf der anderen Seite des Gletschersees gleicht einer Mondlandung. Wir verlieren immer mehr Zeit und beschließen kurzer Hand, ein noch „unberührtes“ Schneefeld zu überqueren. Ein Fehler. Denn keine zwei Schritte weiter bricht Sandra ein und landet mit ihrem rechten Bein knietief in den Steinen im Wasser der Gletscherbachs. Der erste Schmerz wird vom Adrenalin förmlich weggespült. Schließlich war dies der Trip unseres Lebens, unser großes Abenteuer – und das durfte erst in 90 Kilometern mit Finisher-Medaille um den Hals enden. Entschlossen setzen wir unseren Weg zum Checkpoint fort, umlaufen das nun als unsicher eingestufte Schneefeld weiträumig. Als wir die Fahne schließlich erreichen, halten wir inne. Vor uns liegt ein See, in dem sich die von den Gletschern geprägte beeindruckende Landschaft mit ihrer wunderschön-eisigen Schönheit spiegelt. Ein einzigartiges Bild, wie man es nur aus Fotoreportagen kennt, brennt sich in unsere Köpfe, beschwingt uns, gibt uns Kraft. Schon allein für diesen bezaubernden Moment scheint sich die ganze Reise gelohnt zu haben. Ganz allein dafür. In Vorfreude auf mehr unberührte, einzigartige Landschaften legen wir verhältnismäßig schnell viel Strecke zurück, jagen das Zeitlimit. ↳ Die gesamte Schönheit der nordischen Welt zieht an uns vorbei. Wir genießen jeden unserer Schritte, auch wenn diese von Mal zu Mal – besonders bei Sandra – mehr schmerzen. Ab Kilometer 50 wird bei ihr aus dem Laufschritt ein Humpeln. Zum ersten Mal fragen wir uns, ob es nicht ein Fehler war, auf die lange Strecke umzumelden, ob wir uns vielleicht überschätzt hatten? Doch finden wir, trotz zwischenzeitlicher Verzweiflung, immer wieder die Antwort: Nein, es war kein Fehler, definitiv nicht, auch wenn es das härteste Rennen unseres Lebens ist. Dem Zeitlimit haben wir gemeinsam aufgrund Sandras Verletzung abgeschworen und sind vom „Wettkampfmodus“ in den „Genussmodus“ gewechselt: Wir gönnen uns den Luxus, an einem Bergsee stehenzubleiben und ihn einfach nur zu bewundern, über Naturschauspiele zu staunen. ↳ Die Verpflegung funktioniert gut, eine Mischung aus Gels und Riegeln, Nüssen sowie Chips aus Rentier- und Elchfleisch hält uns bei Kräften; das Wasser, dem wir hin und wieder einen Kohlenhydrat-Drink oder Elektrolyte beimischen, ist kein Problem: Ständig laufen wir neben Seen her oder durchqueren Bäche, die eine unbegrenzte und natürliche Wasserversorgung darstellen. Da Sandra auf ihre GPS-Uhr von Garmin die Streckendaten geladen hat, gehen wir nicht verloren, kommen nur mitunter leicht vom Weg ab. Dank eines externen Varta-Akkus können wir die Uhr immer wieder laden, sodass sie die ganze Zeit durchhält. Lange folgen wir wortlos der untergehenden Sonne, möchten uns vor all der Anmut, die sie ausstrahlt, verneigen. Dann wird es Nacht, aber nicht richtig dunkel: die Dauer-Dämmerung des Polarsommers. Mit ihr beginnen der Regen und die Kälte. Und Missmut und manchmal auch Mutlosigkeit. War es tagsüber noch zwischen 10 und 15 Grad warm, ist es jetzt deutlich kühler. Wir befinden uns in einer flachen, aber endlos scheinenden Felsenlandschaft. Die Uhr verrät: Noch immer sind es 50 Kilometer. Die Müdigkeit hält Einzug und verstärkt das Frieren. Inzwischen tragen wir die gesamte Pflichtausrüstung, die wir anfangs noch belächelt hatten und für die wir nun endlos dankbar sind. » Jetzt noch ein Marathon. Komm, das schaffen wir locker“, murmelt Andrea mit einem Hauch von Glaubwürdigkeit in ihrer Stimme. Ja, wir mussten es schaffen! Wir wollen nichts mehr, als dieses Abenteuer zu Ende bringen und – wenn auch außerhalb des Zeitlimits – mit erhobenen Köpfen die Ziellinie überqueren. Wollten uns, unseren Körpern und dem Geist beweisen, dass wir stärker als das hier sind, dass einen Körper, wenn er von einem unbändigen Willen angetrieben wird, nichts aufhalten kann. Dass man Grenzen erreichen muss, um sie dann zu verschieben. Langsam aber beharrlich bewegen wir uns vom Fleck, auch wenn jeder Schritt für Sandra zur erneuten Herausforderung wird. Unsere Füße sind aufgrund der häufigen Flussdurchquerungen nass, kalt und aufgerieben. Alles schmerzt, aber das ist egal. Wir haben eine Mission, ein Ziel. ——— 012 EVENTS & REISEN ER

DER KUNGSLEDEN: WANDERWEG DURCH LAPPLANDS WILDNIS Der Tierra Arctic Ultra findet auf einem Teilstück des „Kungsleden“ in Nordschweden statt. Der Wanderweg wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt, um die die Naturlandschaften Lapplands zu erschließen. Allmählich wurde der Weg ausgebaut und mit Hütten zur Übernachtung ausgestattet. Das beim Tierra Arctic Ultra gelaufene Teilstück nach Abisko liegt komplett nördlich des Polarkreises, mit dem der 66. Breitengrad bezeichnet wird. In den Gebieten nördlich geht dort im Winter für mindestens einen Tag (mit zunehmender Breite mehr) die Sonne nicht auf, im Sommer dagegen scheint für die gleiche Anzahl von Tagen die Mitternachtssonne, das heißt, die Sonne sinkt nicht unter den Horizont. www.tierra.se/tierra-arctic-ultra ABISKO FINNLAND SCHWEDEN NORWEGEN NORDSEE Inzwischen sind wir seit 26 Stunden unterwegs, es ist schon wieder hell, und während Sandra droht, bei jedem Schritt vornüberzukippen und einzuschlafen, beginnt Andrea Dinge zu sehen. Fernab jeder Zivilisation erzählt sie von Häusern, Wohnwagen und Autos, die dort in der Landschaft stehen. Sie sieht sie wirklich, ganz real. Halluzinationen sind durch die Kombination von Überanstrengung und Übermüdung ein häufiges Phänomen bei Ultraläufern. Die langen, schmalen Holzstege, auf denen die Strecke jetzt durch eine Sumpflandschaft führt, fordern unsere ganze Konzentration und ziehen sich scheinbar endlos. Aber es geht weiter, immer weiter. Ein Hoch auf unseren Körper! Wir versuchen uns gegenseitig die Zweifel zu nehmen, uns an das Gefühl nach einer solchen Tortur zu erinnern, an den Stolz, der bleibt, und daran, dass der Schmerz vergeht. Dann plötzlich erreichen wir den letzten Checkpoint. Hoffnung flackert in uns auf. Noch 17 Kilometer bis zum Ziel, bis zur Finisher-Medaille, bis zu einer warmen Dusche und frischen Sachen. Jeder einzelne Kilometer scheint jetzt endlos; wie Zombies schleppen wir uns Meter um Meter durch die inzwischen urwaldähnliche Landschaft. Jede Flussdurchquerung wird zur erneuten Mutprobe. Andrea führt, zieht Sandra, redet ihr gut zu. Irgendwann werden aus den 17 Kilometern zehn, neun, acht ... Wir blicken uns in die müden Augen, lächeln. Triumphierend und schmerzverzerrt. Keiner traut es sich auszusprechen, aber wir wissen es beide. Gemeinsam haben wir den Kampf gewonnen. Noch vier Kilometer. Drei. Zwei. Eins. Und da ist es, das Ziel. Keine Halluzination, sondern Wahrhaftigkeit! Vollkommene Zufriedenheit, Glück, Stolz. Die Emotionen übermannen uns. Die anderen beiden Deutschen, Carsten Stegner und Carsten Schneehage, der Erst- und Drittplatzierte des Rennens, empfangen uns im Ziel, feiern uns wie Champions. Wir können unser Glück nicht fassen. Wir haben es tatsächlich geschafft, wir haben nicht nur die Strecke, sondern auch uns selbst bezwungen. Gemeinsam sind wir beim Tierra Arctic Ultra 125 Kilometer am Polarkreis gelaufen, ganz im Norden Europas. Es war hart, wirklich sehr hart. Der Begriff „Grenzerfahrung“ wurde in diesen 32 Stunden für uns neu definiert. Noch nie waren wir so kurz davor aufzugeben. Noch nie haben wir uns so gequält. Noch nie haben wir unser eigenes Limit so schmerzhaft erleben müssen. Noch nie war das Ziel so sehr das Ziel. Noch nie waren wir unserem Körper so dankbar. Am Folgetag geht es zurück nach Deutschland – und für Sandra direkt zum Arzt, der einen Kapselriss und eine Bänderdehnung im linken Fuß feststellt. Diese Diagnose überrascht und erschreckt uns gleichermaßen. Sicher, es war unglaublich unvernünftig und leichtsinnig, mit einem schmerzenden Fuß 90 Kilometer weiterzulaufen, aber keineswegs hätten wir damit gerechnet. Vom Adrenalin beflügelt und der Schönheit der Strecke betäubt, war es durch Teamleistung und Willenskraft möglich weiterzumachen. Nachdem wir jede Menge Schlaf und Kalorien nachgeholt hatten, uns selbst wieder als gesellschaftsfähig einstuften, wurden uns viele Fragen gestellt. Die Häufigste war wohl, ob wir so etwas wieder tun würden. Ja, die Antwort lautet ganz klar: Ja! Es war gigantisch! DIE F-AS-T FORMEL DIE F-AS-T FORMEL DIE F-AS-T Was FORMEL erfolgreiche Sportler Was erfolgreiche anders machen Was Sportler erfolgreiche anders [ISBN Sportler machen 978-3-00-046070-8] anders machen [ISBN 978-3-00-046070-8] JETZT NEU JETZT NEU JETZT NEU [ISBN 978-3-00-046070-8] Nutze die Beratungsmöglichkeit auf unserer Nutze die Seite: Beratungsmöglichkeit ultra-sports.de LAUFEN.DE ——— 013auf unserer Seite: ultra-sports.de Nutze die Beratungsmöglichkeit auf JETZT NEU

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# 05 | 2016 September/Oktober