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# 03 | 2015 November/Dezember

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GESUNDHEIT & ERNÄHRUNG

GESUNDHEIT & ERNÄHRUNG SEITEN­ STICHE! WER KENNT SIE NICHT DIESE FIESEN STICHE IN DER SEITE BEIM LAUFEN! DOCH WAS GENAU SIND EIGENTLICH SEITENSTICHE? UND WIE VER­ SCHWINDEN SIE WIEDER? OLYMPIA­ARZT PROFESSOR WILFRIED KINDERMANN WEISS RAT. Professor Wilfried Kindermann war über viele Jahre Arzt der deutschen Fußball- Nationalmannschaft und betreute die deutsche Olympia-Equipe. Er ist ein hochangesehener Sportmediziner mit jahrelangen Erfahrungen in verschiedenen Sportarten. WAS SIND SEITENSTICHE? Wenn stechende oder krampfartige Schmerzen unter dem rechten oder linken Rippenbogen beim Laufen oder auch anderen meist länger dauernden Belastungen auftreten, spricht man von Seitenstichen (Seitenstechen). Sowohl Freizeit- als auch Leistungssportler sind davon betroffen, also vom Jogger bis zum Marathonläufer. WAS KÖNNEN URSACHEN FÜR SEITENSTICHE SEIN? Über mögliche Ursachen wird viel spekuliert, wissenschaftlich belegt ist jedoch kaum etwas. Am ehesten verständlich ist das Auftreten von Seitenstichen nach einer vorausgegangenen größeren Mahlzeit oder auch unzureichendem Aufwärmen. Denn: Voller Bauch läuft nicht gern. Zur Verdauung braucht der Magen-Darm-Trakt vermehrt Blut. Andererseits entzieht körperliche Belastung den Verdauungsorganen Blut zugunsten der arbeitenden Muskulatur. Ob dabei ein Kapselspannungsschmerz von Leber und/oder Milz auftritt und eine Rolle spielt, bleibt dahingestellt. Darüber hinaus werden Erschütterungen des Zwerchfells beim Laufen, die insbesondere auf die Oberbauchorgane Leber und Milz ausstrahlen, häufig als Ursache diskutiert. Sehr beliebt ist die Hypothese einer falschen Atemtechnik. Auch Fehlhaltungen der Wirbelsäule werden als Ursache angenommen. WIE KOMMT ES, DASS EINIGE SPORTLER SEHR HÄUFIG SEITENSTICHE BEKOMMEN, ANDERE WIEDERUM NIE? Es ist tatsächlich so, dass eine individuell unterschiedliche Empfindlichkeit für Seitenstiche besteht. Eine eindeutige Antwort ist nicht möglich. Wahrscheinlich ist auch eine psychische Komponente zu berücksichtigen. Ich erinnere mich an einen sehr guten Langstreckenläufer, der im Vorlauf einer Leichtathletikmeisterschaft mit Seitenstichen gerade noch das Ziel erreichte, sich aber dennoch für den Endlauf qualifizieren konnte. Vor dem Endlauf wurde ihm eine Plastikfolie auf den rechten Oberbauch geklebt. Er gewann schmerzfrei in persönlicher Bestzeit. WENN MAN DOCH MAL SEITENSTICHE BEKOMMT — WIE WIRD MAN SIE SCHNELL WIEDER LOS? Tempo runter oder kurze Pause, beispielsweise bei Marathonläufen. Verschiedene Atemtechniken werden in diesem akuten Stadium empfohlen. Letztlich ist die individuelle Erfahrung entscheidend. WAS KANN MAN TUN, UM SEITENSTECHEN VORZUBEUGEN? Zunächst eines vorweg: Reflexartig wird oft eine ausführliche Labordiagnostik einschließlich Analyse der Leberwerte durchgeführt. Fündig wird man damit meist nicht. Als Arzt kann man Sportler mit Seitenstichen beruhigen, denn krank sind sie nicht. Was man vorbeugend tun kann, ist eigentlich banal: Die letzte Mahlzeit sollte wenig voluminös und ballaststoffarm sein. Gutes Aufwärmen ist selbstverständlich, die Belastung sollte nicht mit zu hoher Intensität begonnen werden. Generell tut es gut, wenn die gesamte Rumpfmuskulatur einschließlich der Muskulatur des Bauchraums gekräftigt wird. Fotos: iStock, Norbert Wilhelmi ——— 030 GESUNDHEIT & ERNÄHRUNG GE

Er ist ein Sonderfall: Marathon-Ass Falk Cierpinski. Der 37-Jährige mit einer Bestzeit von 2:13:30 Stunden hatte jahrelang mit heftigen Seitenstichen zu kämpfen. Dann fand er heraus: Ursache war die Narbe einer alten OP. Hier erzählt er seine Geschichte und gibt Tipps, wie man Seitenstiche in den Griff bekommt. FALK CIERPINSKI, WANN HABEN DIE SEITENSTICHE BEI DIR ANGE- FANGEN UND WIE SEHR HAT ES DICH BEEINFLUSST? Ich hatte früher als Triathlet auch schon fast immer Seitenstechen, aber dann nur bei den zwei ersten Disziplinen – also beim Schwimmen und Radfahren. Beim Laufen hingegen nur ganz selten. Das wurde später, als ich Läufer wurde, aber immer schlimmer. Beim WM-Marathon 2009 in Berlin beispielsweise hatte ich schon nach sieben Kilometern Seitenstiche. IRGENDWANN HAST DU GEMERKT, DASS ES NICHT DIE „NORMALEN“ SEITENSTICHE WAREN. WAS WAR DIE URSACHE? Als Kind hatte ich eine Leisten-OP, die entstandene Narbe wurde nicht nachbehandelt. Wir haben erst ganz spät rausgefunden, dass diese Narbe der Auslöser für die Seitenstiche war, da auf der Seite die Muskulatur nicht richtig arbeiten konnte. So habe ich mir über die ganzen Jahre eine Dysbalance antrainiert. Die ganze rechte Seite war immer verspannt: Wenn ich schnell gerannt bin, konnte sie sich nicht so „aufblasen“. WAS HAST DU DAGEGEN UNTER- NOMMEN? Ich hab die Narbe revidieren lassen. Wenn man im Fernsehen sieht, wie ein Arzt mit einem Skalpell die Haut aufschneidet, platzt diese ja sofort auf. Das war bei mir nicht so: Die Haut blieb komplett zu, der Arzt musste richtig ein bis zwei Zentimeter unter der Haut reinschneiden. Die Narbe war komplett verklebt. Ab dann musste ich immer darauf achten, dass meine Statik in Ordnung ist – ich wurde also ständig von einem Chiropraktiker „geradegestellt". UND SEITDEM SIND DIE SEITEN- STICHE KOMPLETT WEG? Manchmal kommen sie im Training wieder. Komplett werde ich sie wohl nicht wegkriegen, da sie seit so vielen Jahren im Bewegungsmuster drin sind. Aber es ist nicht mehr so wie früher, dass ich nicht wusste, wo die Schmerzen herkommen und ich ständig Probleme hatte. Jetzt weiß ich, was ich machen muss. HAST DU TIPPS FÜR LÄUFER, DIE HÄUFIG SEITENSTICHE HA- BEN? Bei mir hat es immer geholfen, wenn ich es mit einer anderen Atemtechnik versucht habe. Ich habe es immer so gemacht, dass ich beim Einatmen den Bauch extrem aufgeblasen habe. Beim Ausatmen habe ich die Luft dann richtig rausgepresst. Dadurch habe ich in die Verkrampfung eine Erholungsphase bekommen. Die Atmung hat sich verlängert. Nach einem halben Kilometer wurde es dann meistens schon weniger. Das Problem ist, dass viele Läufer, wenn sie Seitenstiche bekommen, noch kürzer atmen. Dadurch wird es jedoch nur schlimmer. LAUFEN.DE ——— 031

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# 05 | 2016 September/Oktober