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Kathrine, warst du nicht

Kathrine, warst du nicht nervös, als du am 19. April 1967 in Boston an der Startlinie standst? Doch natürlich. Aber die Männer um mich herum waren wunderbar und haben mir viel Aufmunterung und Motivation gegeben. Aber ich hatte natürlich Bedenken, in Schwierigkeiten zu kommen, weil ich als Frau eigentlich nicht mitlaufen durfte. Und so kam es auch. Weil es eisig kalt war und Switzer deshalb mit einem dicken Jogginganzug lief, merkte zwar niemand vor dem Start, dass sie eine Frau war. Aber nach rund sechs Kilometern überholte ein Bus mit Fotografen die Gruppe um Switzer. In diesem Moment stürmte Renndirektor Jock Semple auf die Strecke. Er war erbost, dass eine Frau sich in das Rennen geschlichen hatte, versuchte Switzers Startnummer abzureißen und sie von der Strecke zu drängen. Er wollte, dass sie das Rennen beendete. Aber ihr Freund Tom Miller, ein ehemaliger American Football-Spieler und aktiver Hammerwerfer, über 100 Kilo schwer, der sie zusammen mit ihrem Coach und einem weiteren Freund begleitete, beförderte Semple mit einem Bodycheck zur Seite. Die Fotografen hielten die Situation fest – das Bild (siehe Seite 22) ging später um die Welt. Wie hast du den Angriff von Jock Semple erlebt Kathrine? Ich war daran gewöhnt, dass Leute vom Streckenrand negative Dinge riefen. Aber diese Art der Gewalt hat mich überrascht. Es hat mich zu Tode erschreckt. Ich war verängstigt und habe mich geschämt. Ich hatte das Gefühl, einen heiligen Ort geschändet zu haben. Hast du überlegt, das Rennen zu beenden? Eine Sekunde habe ich überlegt auszusteigen. Aber dann wurde ich sehr entschlossen. Ich dachte, wenn ich aussteige, glaubt mir niemand, dass ich es ernst meine und dass Frauen einen Marathon rennen können. Also sagte ich meinem Trainer, dass ich das Rennen beende. Egal wie. Zur Not auf Händen und Füßen. geschlossen. Und weißt du wieso? Weil ich mit Männern gelaufen war, weil ich bei der Anmeldung nur meine Initialen angegeben und damit betrügerisch gehandelt hatte und weil ich ohne Aufsichtsperson gelaufen bin. Unglaubliche Regel, oder? Aber du hast dich davon nicht unterkriegen lassen. Manchmal sage ich: Die schlimmsten Dinge in deinem Leben werden zu den besten. Ich wusste seit diesem Tag in Boston, dass mein Leben sich geändert hatte und ich das System ändern wollte. Ich wollte Möglichkeiten für Frauen schaffen. Obwohl es also ein negativer Vorfall war, hat er mir Inspiration gegeben, um Dinge zum Besseren zu ändern. Und das tat Kathrine Switzer von da an. Sie kämpfte dafür, dass Frauen im Laufsport die gleichen Rechte haben wie Männer. Fünf Jahre später durften Frauen zum ersten Mal offiziell beim Boston-Marathon starten. Kathrine Switzer wurde in 3:29:51 Stunden Dritte. Wie war das für dich, endlich „offiziell“ zu sein? Es war fantastisch, endlich als Läuferin gezählt zu werden und nicht nur als Frau. Endlich trugen wir Startnummern und waren Athleten. Du hast in den fünf Jahren nach deinem ersten illegalen Start 1967 hart für deine und die Rechte anderer Frauen gekämpft. Hast du niemals daran gedacht, aufzugeben? Nein. Ich wurde nur stärker und stärker. Denn immer mehr Frauen wollten laufen, und wir wussten, dass wir recht hatten. Ich wollte, dass noch viel mehr Frauen das Gefühl erleben, sich durchs Laufen positiv zu verändern. Dass sie dadurch selbstbewusster werden. Laufen macht einen zu einem besseren Menschen. Aber dein Kampf war nicht beendet, als Frauen in Boston endlich laufen durften … Danach habe ich mich dafür eingesetzt, dass Frauen auch bei den Olympischen Spielen Marathon laufen dürfen. Denn ein Marathon bei Olympischen Spielen hat noch einmal eine ganz andere Bedeutung und gibt großartigen Athleten die Möglichkeit zu glänzen. Und 1984 war es dann so weit. Über die Jahre haben sich deine Ziele etwas verändert. Es geht dir mittlerweile immer mehr darum, Frauen dazu zu ermutigen, mit dem Laufen zu beginnen. Jenseits des Leistungssports. Wieso? Die meisten Frauen laufen doch nicht, weil sie Leistungssport betreiben. Und sie tun es auch nicht nur, weil sie abnehmen wollen oder ein Hobby suchen. Sie laufen, weil es sie und ihr Leben fundamental ändert. Es vermittelt dir Selbstbewusst- Die 70 Jahre sieht man ihr nicht an. Auch heute läuft Kathrine Switzer noch regelmäßig und hält sich damit fit und jung Du hast es laufend ins Ziel geschafft – nach 4:20 Stunden. Wie waren die Reaktionen? Gemischt. Die Journalisten im Ziel waren irritiert und meinten, das wäre eine Eintagsfliege gewesen. Und ich dachte: Nur einmal einen Marathon laufen? Auf keinen Fall! Ich habe viele negative Briefe bekommen, aber auch ganz wundervolle. Die negativen habe ich einfach weggeschmissen. Besonders schlimm war das Feedback aber vom Leichtathletik-Amateur-Verband und von der Boston Athletics Association, die den Boston-Marathon veranstaltet. Sie haben mich von diesem und allen weiteren Rennen aussein und steigert dein Selbstwertgefühl. Und das wollte ich so vielen Frauen wie möglich ermöglichen. Ich habe deswegen zwischen 1978 und 2005 zusammen mit der US-amerikanischen Kosmetikfirma Avon 400 Frauenläufe in 27 Ländern organisiert, an denen mehr als eine Millionen Frauen teilnahmen. Wir sind in Länder gegangen, wo es bis zu diesem Zeitpunkt keinen Frauensport gab, zum Beispiel auf den Philippinen, in Malaysia oder Thailand. Die Leute dort sagten, die Frauen würden nicht laufen. Aber sie kamen zu Tausenden. Und nicht, weil sie bei Olympia starten wollten, sondern weil sie daran so viel Spaß hatten. Dein neuestes Projekt ist „261 fearless“ – angelehnt an deine Startnummer 261, die du 1967 beim Boston-Marathon getragen hast. Was willst du mit dieser Community erreichen? „261 fearless“ geht noch einen Schritt weiter als die Frauenläufe. Wir gehen mit Club-Programmen in die Communitys der Frauen, wo diese sich zum Laufen treffen. Wir wollen es Frauen ermöglichen, sich selbst und andere durch Laufen in ihrem eigenen Umfeld zu ändern. ——— 024 LÄUFER & LEUTE LL 022-027_laufen.de_mag_2017_04_switzer.indd 24 01.06.2017 13:45:28

Rückkehr nach Boston: 50 Jahre nach ihrem ersten Start in Boston lief Kathrine Switzer (Mitte mit roter Startnummer) in diesem Jahr wieder den Traditions-Marathon. Wie damals trug sie auch dieses Jahr wieder die Startnummer 261, die Renndirektor Jock Semple ihr 1967 abreißen wollte „261 FEARLESS“: STÄRKER DURCH LAUFEN Mit der Community „261 fearless“ setzt Kathrine Switzer ihren Kampf für die Rechte von Frauen fort, den sie seit ihrem ersten Start in Boston vor 50 Jahren führt. 261 war Switzers Startnummer beim Boston-Marathon 1967. Jetzt steht 261 für Furchtlosigkeit – nicht nur im Laufsport. „261 fearless“ ist eine globale Bewegung, die Frauen durch Lauf- und Walkingevents zusammenbringt und ihnen so hilft, stärker zu werden und Herausforderungen anzunehmen – sei es im Sport oder im Alltag. Der Sportartikelhersteller Adidas unterstützt „261 fearless“ mit Wissen und Laufausrüstung. Auch in Deutschland gibt es bereits zwei 261 fearless-Clubs: in Berlin und Dresden. 261fearless.org Das Programm soll ihnen zeigen, wie viel Spaß Laufen macht. Sie sollen zusammenkommen und eine Freiheit erfahren, die sie so noch nicht kannten. Wenn wir es schaffen, ein Netzwerk auf der ganzen Welt zu erschaffen, können wir dadurch Leben verändern, wie es zuvor nicht möglich war. Du warst selbst eine erfolgreiche Läuferin, hast 1974 den New York-Marathon gewonnen und eine Bestzeit von 2:51:37 Stunden. Auf was bist du mehr stolzer: Auf das, was du als Läuferin erreicht hast oder auf das, was du für Läuferinnen erreicht hast? Definitiv auf das, was ich für andere erreicht habe. Aber für mich war auch wichtig, was ich als Läuferin erreicht habe. Ich war nicht talentiert. Aber ich wollte zeigen, dass jemand wie ich, wenn er nur hart arbeitet, unglaublich Dinge erreichen kann. Wenn ich das geschafft habe, kann es auch jeder andere. Aber viel wichtiger war für mich, Frauen zum Laufen zu bringen. Denn Laufen ist einfach, für jeden zugänglich und funktioniert überall. Und ich wusste, dass wenn ich Frauen erreiche, ich ihnen helfen kann, ein positiveres und produktiveres Leben zu führen und glücklich mit sich selbst zu sein. Dieses Jahr bist du wieder den Boston-Marathon gelaufen. Zum neunten Mal. Mit 70 Jahren. In 4:44:31 Stunden. Wie würdest du das bewerten, was sich in den zurückliegenden Jahren seit deinem ersten Start in Boston getan hat? Es war eine soziale Revolution. Und es hat das Leben von Millionen Frauen verändert, über den Sport hinaus bis in die Gesellschaft. In den USA nehmen heute mehr Frauen an Marathons teil als Männer! Und all das startete vor 50 Jahren mit dem Foto, auf dem Jock Semple versuchte, dich von der Laufstrecke zu schubsen. Stimmt es, dass ihr später gute Freunde wurdet? Ja, ich habe ihm vergeben. Er war überarbeitet und ein Produkt seiner Zeit. Wir haben später Reden zusammen gehalten. Ich habe ihn auch ein paar Stunden vor seinem Tod besucht. Viele Leute sagen, das sei unglaublich. Aber ich antworte immer: Wie könnte ich einen Mann nicht lieben, der mein Leben so positiv verändert hat? Er hat der Frauenrechtsbewegung eines ihrer größten Bilder gegeben. Und er hat mir geholfen eine Bewegung zu schaffen, die das Leben von Millionen von Frauen verändert hat. LAUFEN.DE ——— 025 022-027_laufen.de_mag_2017_04_switzer.indd 25 01.06.2017 13:45:31

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# 05 | 2016 September/Oktober